Die Idee eines Alpenfluges hatte Jens S. schon viele Jahre im Kopf gereizt, zumal er früher in München wohnte und die Flieger bei Überquerung beobachtet hatte. Irgendwann dachte er sich, will er sich das mal trauen. Der erste Versuch 2024 scheiterte aber wegen einer Gewitterwarnung mit seinem Co-Piloten Matthias und sie mussten in Innsbruck abdrehen, 25 min vor Bozen, das Ziel fast im Blick. Daher sollte es Anfang 2026 noch mal versucht werden, ohne Gewitterrisiko. Bei einem gemütlichen Fliegerausflug kam er dann auf mich (Stefan E.) zu und fragte mich, ob ich trotz meiner gerade erst bestandenen Lizenz Lust auf dieses Abenteuer hätte. Was ich vorab unterschätzt hatte, war, wie viel Vorbereitungsarbeit es gab. Um Schulung und Bücherstudieren zur Alpenfliegerei kommt man dann doch nicht herum für eine sichere Alpenüberquerung. Vielen Dank an dieser Stelle für diesen großen Brocken Vorarbeit den er (Jens) mir komplett abgenommen hat!

Wie gesagt, so getan. Zunächst mussten wir einen perfekten Zeitpunkt finden, wo erstmal das Wetter passt, vor allen Dingen der Föhnwind. Für UL-Flugzeuge, anders wie für Ecco-Klasse Flieger, ist das leichte Gewicht nochmal ein Risiko, wenn Wind-Rotoren und Strömungen über die Bergkämme das Flugzeug hin und her schütteln oder regelmäßig auf den Flügel schlagen.

Beim ersten Termin änderte sich der Wind und wir hatten zu starken Nordföhn. Dann schoben sich dicke Wolken langsam in der Woche Vorbereitungszeit in den Wetterbericht, die man möglichst vermeiden sollte, denn nichts ist schlimmer als fehlende Sicht, besonders auf der Brenner-Route, da es keine Ausweichflugplätze gibt.

Beim dritten Anlauf im April hatten wir zwar Nordföhn, aber um die Mittagszeit war es anders, als man aufgrund der zunehmenden Thermik erwarten sollte: aufgrund der Sonneneinstrahlung ein gutes Fenster für eine Überquerung. Jens verfolgte akribisch das Wetter und das Fenster blieb günstig. Einen Abend davor kam der erlösende Anruf von ihm: wir fliegen! Am nächsten Morgen im herrlichen Sonnenschein düsten wir mit unserem roten Flitzer los nach Süden. Jens wollte sofort auf FL100 und meinte, weil da oben haben wir heute ein Wahnsinnsglück. Nicht nur gute Aussicht, sondern 35 kt Rückenwind, was uns 30 Min. Flugzeit einsparte.



Nach einer Zwischenlandung in Landshut, um zu tanken, Flugplan aufzugeben und endlich was zu beißen für die Zähne bei nettem Kaffee in der Flieger Lounge, kam der nette Zahlmeister und kontrollierte erstmals alle unsere Papiere, weil endlich jemand Platzfremdes am Ort war. Dann ging‘s los, zunächst über den MUC , dem Münchner Verkehrsflughafen, 10 min entfernt, eines der großen Highlights auf unserer Route.
Obwohl wir die Kontrollzone schon scharf ankratzten, blieb der Tower freundlich und übernahm die Initiative für den Einleitungsanruf… 😉 Nach dem Einfliegen rollte ein A380 vor uns auf die Startbahn und hob direkt unter uns ab. Wie selbstständig, wurden wir aufgefordert, um den Tower zwischen den Bahnen zu kreisen. Was für ein Wahnsinnsanblick an großen Maschinen und viel Flug- und Bodenbewegung. Jens erzählte mir dabei, wie oft er hier schon früher abgehoben ist und nun stolz war, als Pilot hier zu sein. A380 links hob ab mit einer Eleganz. Wahnsinn, mehr kann man doch gar nicht erwarten. Danke MUC für dieses Erlebnis!

Wir verließen die Kontrollzone nach Süden Richtung Allianz Arena, vorbei am Englischen Garten mit Blick auf Olympiastadion und -park, Theresienwiese in Richtung zu Jens altem Zuhause in der Säbener Str. Grünwalderstadion, Bayern-München-Vereinsgelände und die Isar schlängelte sich daran vorbei. Nun war es Zeit und wir flogen direkt übers Alpenvorland auf den Tegernsee zu. Jens wollte mir statt der klassischen GAFOR-Route über Kufstein die Seen zeigen, dass wir Österreich über einen Bergkamm am Aachensee erreichten, mit Blick auf das Inntal und Zillertal.

Die Berge waren noch Schnee bedeckt, aber uns wurde so warm in der prallen Sonne, dass wir bei 0 Grad Außentemperatur ohne zusätzliche Heizung die Zwiebelschalen ablegten und im T-Shirt ins Tal einflogen. Ab hier meldeten wir uns bei Innsbruck Radar zunächst auf Deutsch, aber mit uns blieb sie stoisch und antwortete erstmal nur auf Englisch. Das Wetter war ideal, nur ein paar Schäfchenwolken, ein bisschen Dunst, aber freie Sicht auf Innsbruck Flughafen und das Stubaital, denn da bogen wir nach Süden ab, starteten den Timer für die 30-Minutenregel über FL100 und stiegen bis zum Brenner auf 12.000 ft.

Wir verabschiedeten uns vom guten Flug von der Dame vom Radar und hingen begierig am Funk, um die meist unverständlich und schwierig zu verstehenden Italiener zu hören. Wir sind am Brenner, next waypoint Bolzano in 12.000 ft. Über den Alpen fliegt man QNH, nicht Standard QNH“, sagte Jens.
Dann kam unsere erste Föhnwelle, ein plötzlicher Klatscher auf den linken Flügel und das Flugzeug stand in einem Augenblick 45° mit links hängendem Flügel. Reflexartig riss Jens das Querruder herum und wir waren wieder gerade. Wir stiegen auf 13.000 ft bei Bozen und es blieb bei einem Klatscher. Rechts Meran, unter uns Bozen, next waypoint Trento, wo wir tanken wollten. Die Berge wurden grün und wir gingen langsam in den Sinkflug über für den Anflug auf Trento.

Nach der Landung hatten wir wegen der Nordföhnlage 28 °C im April statt 11 °C in Berlin. Man war das heiß am Boden. Trotz frischem Irankrieg gab es Super für 1,87 €. Vollgetankt, mit neuem, aber nicht mehr innerhalb Italiens notwendigen Flugplan, ging es zack zack 10 Minuten nach Süden, dann Rechtskurve und weitere 10 Minuten später lag der Gardasee auf der linken Seite, Riva del Garda.


In 5.500 ft flogen wir Richtung Maderno im Südwesten. Bei Castelleto (Malcesine) winkten Freunde von Jens vom Steg, als wir vorbeiflogen.
Und in Italien zeigten sich die Schwierigkeiten mit dem Funk. Wie uns später jemand erklärt hat, sind die schlecht ausgestattet und schwach besetzt, und da man sie sowieso nichts versteht, resultieren daraus eine Menge Probleme. Jens hatte es gut gemanagt, aber wir beide haben, glaube ich, Blut und Wasser geschwitzt. Irgendwann wollten die uns einfach loswerden und wir konnten glücklich Venedig anfliegen.
Am unteren Ende, weil wir über 5.000 ft waren, gingen wir in die verschiedenen Radarbezirke rein. Das wechselte ständig zur nächsten Frequenz. Irgendwann haben wir uns wechselseitig nicht mehr verstanden aufgrund von Funklöchern und mit der genervte temperamentvolle Dame die uns den nächsten italienischen Ort zu zwitscherte, den wir ohne jegliche Chance nicht finden konnte, geschweige denn überhaupt verstehen konnten, landeten wir beim freundlichen Tower von Venedig. Bleiben Sie bitte in dieser Höhe direkt nach PZSW1 nach Venedig Lido: Ein Airbus ist hinter Ihnen. In einem schönen Halbkreis um uns herum sank er Richtung Flughafen und wir konnten das Mittelmeer sehen. Venedig tauchte am Horizont auf und wir landeten über Wasser einfliegend am malerischen Flughafen Lido mit dem Charme aus den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts.





Die langgezogene Insel Lido vor Venedig ist echt ein Geheimtipp. Sie hat einen wunderbaren Sandstrand und die Hotels sind natürlich um Größenordnungen billiger als auf der Nachbarinsel Venedig. Abends dann noch mit dem Schiff rüber nach Venedig, etwas spazieren gehen und dann eine Übernachtung auf Lido.



Morgens zurück zu diesem süßen alten stylischen kleinen Flughafen auf Lido, Bei dem konnten wir erst mal fast unser Flugzeug nicht sehen, weil es von kleinen Schulkindern umringt war. Diese warteten dann auch geduldig die Startvorbereitungen ab, um uns starten zu sehen. Voll süß!

Nach dem Start vom Lido flogen wir diesmal unter 1.500 ft, damit wir frei von Radar bleiben konnten, nicht aus Angst vor dem Funk, sondern weil die Thermik nicht stark war und wir in Ruhe unsere Wegpunkte anfliegen wollten. Erst über die Lagunenlandschaft und dann über die vielen Kanäle und Häuser der Po-Ebene.


Diesmal flogen wir nördlicher in die Dolomiten rein. Nach dem wir aus der Radar-Kontrollzone rauswaren gab uns der Funk „feuerfrei“ zum Steigen. Wir flogen in ca. 6.500ft nach Trento in ca. 1h und immer noch mit dem Benzin aus Trento. Die 90 L Tanks der A32 sind einfach genial.


Mit den Wärmereserven aus Trento, wo immer noch fast 30 Grad waren, stiegen wir mit Flugplan, wegen Grenzübertritt, auf Richtung Bozen, immer den Sauerstoffgehalt im Blut im Blick, der uns aber keine Schwierigkeiten bereitete.

Ein Schwenker links über Meran und dann über den Jaufenpass, die Hochalpenstraße zur österreichischen Grenze Sterzing. Als Jens meinte: „Da ist die Zugspitze, und da fliegen wir jetzt rüber“, war ich kurz irritiert. Geht das mit dem UL so einfach in der Höhe? Ja! Mit einer unfassbaren Aussicht auf die Zugspitze, wo Jens mir zeigte, wo er überall schon drüber geklettert ist, und gleich danach direkt über Schloss Neuschwanstein peilen wir den nächsten Zwischenstopp: Flugplatz Jesenwang an. Hier war die Länge der Landebahn mit 400 m umgekehrt proportional zur tollen Freundlichkeit der Leute im Tower. Und noch besser: Start und Landung sind nur möglich, wenn für die Autos die Ampeln rot sind, weil Landebahn und Landstraße sich vorne kreuzen.

Eine Cessna landete vor unserm Abflug und mit ordentlich Qualm von der Bremse kam sie kurz vor Ende der Landebahn zum Stehen. Nun waren wir dran. Auf zur letzten Etappe nach Berlin. Rechts München und vor uns Grafenwöhr, Fichtelgebirge und dann schon langsam Leipzig. Nach ca. 3 Stunden landeten wir wieder in Schönhagen.
Ein umwerfendes Erlebnis und ein Tipp an jeden, sich langsam und sicher an die Alpen heranzuwagen!







Danach ging es weiter zum Sonderlandeplatz Klietz Scharlibbe, der uns sogleich mit Bier, Köstlichkeiten und tollem Wetter begrüßte.











